Die Idee, den geistigen Menschen als Träger einer erbhaft bedingten Kultur aus dem
Charakter der Landschaft zu begreifen, die ihn gebildet hat, ist die Frucht kulturkundlicher und
kunstwissenschaftlicher Erkenntnisse, deren Spuren wir schon in der Literatur des 18.
Jahrhunderts finden.
Doch erst die seelenkundlich unterrichtete Betrachtungsweise unserer Zeit hat die feineren
Beziehungen erschlossen. Wir erkennen beispielsweise den Einfluß der als Linie und Umriß
wirksamen Landschaftsformen des Niltales und der lybischen Wüste in den Stileigenheiten der
altägyptischen Kunst.
Wir verstehen die Kultur der Griechen aus dem Zusammenklang von Woge, Fels, Olivenhain und
Bergwald; aus der Klarheit, Urkraft und Schönheit der wechselfreudigen, buchten- und
inselreichen Küstenlandschaft, die das begabte, aus der Dämmerung des Nordens gekommene
Volk besiedelte.
Die groteske Architektur und Bildnerei Indiens findet ihre Deutung in den üppigen und
bizarren Formen seiner Pflanzen- und Tierwelt. Das Reich der indisch-arabischen Märchen ist
nicht denkbar ohne den Geist aus vorderasiatischen Felsengebirgen, Palmenwäldern, schaurigen
Sandwüsten und unabsehbaren Seegestaden.
Während nun solche Zusammenhänge bei den antiken, romanischen und exotischen Kulturen
vielfache zutreffend beleuchtend worden sind, hören wir weniger über die
landschaftsbedingte Eigenart des deutschen Volkes. Und doch ist es in gegenwärtiger Zeit
wertvoller, das Erdgeistige der eigenen Seele kennen zu lernen, als sich in der Anschauung
artfremder Kulturen zu verlieren.
Kein besseres Kampfmittel gibt es wider die bedrohlichen Strebungen, den internationalen Menschen
zu schaffen, als die Erkenntnis vom eigenen Werte.
Wer aber erst sein Artbewußtsein verloren hat, der wird auch bald seiner
Persönlichkeit ledig werden.
Er wird "Masse Mensch" und erfüllt damit das ersehnte Programm der beiden polar
verwandten Entartungserscheinungen des Jahrhunderts, des Bolschewismus oder des Weltkapitalismus.
Deutsches Wesen kommt vom Walde. Wir bewohnten seit zweitausend Jahren ein Waldland - noch heute
zählt Deutschland zu den waldreichen Ländern des Erdballes - von ganz bestimmter
Prägung. Daher brauchen wir nur den deutschen Wald aufzusuchen, um bei uns selber Einkehr zu
halten.
Das Wandervogelwesen, das Pfadfindertum der deutschen Jugend ist bewußte Abwehr artfremden
Geistes, der in den Städten gärt und in den Büchern lauert. Nicht minder ist es
der typische Waldhunger des seßhaften Bürgers. Im Verständnis für
Walderholungsstätten und Waldfriedhöfe kommt urdeutsches Wesen zum Ausdruck. So lebt in
der deutschen Waldfreudigkeit die Absage an jene heimatlos gewordene Weltanschauung, welche die
bluthaft (erbbiologisch) und erdgeistig begründete Wertigkeit des Menschen leugnet und damit
Kultur, Kunst, und Persönlichkeit verneint.
Diese Erkenntnis empfinden die Feinde des deutschen Gedankens als Dorn im Fleische, und weil sie,
einmal geweckt, unverwundbar bleibt wie Siegfried, wird sie mit Gift bekämpft. Es ist immer
ein verdächtiges Unterfangen, wenn Literaten oder solche, die sich Künstler nennen,
durch Verhimmelung fremdländischer, besonders exotischer Kulturen unseren Blick von der
Heimat abzulenken versuchen.
Wer kennt nicht die Gepflogenheit mancher Schriftsteller, ihre eigene Schollenlosigkeit hinter
dem sattsam beackerten "internationalen Milieu" zu verstecken? Selbst an die
Kinderzeitschriften und an das Kunstmärchen wagen sich neuerdings die Versuche einer
berechnenden Entheimatung. Ferner sei hingewiesen auf die krampfartigen Experimente in den
Großstädten, uns fremde Kunst- und Kulturformen aufzuzwingen.
Der Geist des deutschen Waldes hat - von der vorgeschichtlichen Zeit abgesehen - vor
siebenhundert Jahren unserer Kultur das Gepräge gegeben. Es geschah in der Gotik, die nichts
anderes ist als die nordisch-germanische Form des Christentums. Hierbei haben wir unter Gotik die
Kulturwende in ihrer Gesamtheit, nicht lediglich den Baustil zu verstehen. Freilich offenbarte
sie sich äußerlich am deutlichsten in der Baukunst.
Der im nordisch-germanischen Frankreich entwickelte Stil hat in Deutschland das tiefste
Verständnis, die reifste und reinste Form gefunden, während die eigentlichen Romanen
ihn nie ganz begriffen. Ein Vergleich italienischer Bauwerke dieser Epoche etwa mit dem
Straßburger Münster erweist es unwiderleglich. Wer die pflanzenhaft sprossende,
organische Struktur eines deutschgotischen Domes auf sich wirken läßt, dem wird die
Waldesverwandtschaft des gotischen Gedankens zum unmittelbaren Erlebnis.
Nur ein walddenkendes Geschlecht, dessen Vorfahren die Gottheit in den Wäldern verehrten,
dessen Urtechnik eine Schnitztechnik gewesen ist, dessen Einbildungskraft im Dämmer der
Wälder zu unvergleichlicher Weite und Lebhaftigkeit ausreifen mußte, nur ein solches
Menschengeschlecht konnte jene unbeschreiblich vollendete, ganz Geist und Seele umfassende Kunst
hervorbringen, die wir Gotik nennen.
Um 1230 hat sich in deutschen Landen der gotische Stil die bis dahin durch fast ein Jahrtausend
entwickelte Mischkunst aus klassischen Bauformen (römischer Herkunft) und nordischem
Zierwerk, romanische genannt, überwunden. Es war das Aufbegehren der Deutschen Waldesseele
wider den Geist aus der Fremde. Daher bedeutete die um 1450 von Italien ausstrahlende Renaissance,
welche die Gotik ablöste, trotz ihrer befruchtenden Wirkung im Einzelnen, als Ganzes
genommen kein Glück für die Germanen.
Sie ist im Waldlande auch nie ganz heimisch geworden. Die großen deutschen
Renaissancekünstler sind in tiefster Seele Gotiker geblieben, und gar der Kirchenbau
bediente sich bis in die Anfänge des 17. Jahrhunderts der gotischen Formensprache. Erst die
dritte Kulturwelle aus dem Süden, das Barock, hat den Geist der Gotik gewandelt. Nicht
überwunden; denn er lebt noch heute. Lebt in deutscher Waldsinnigkeit; lebt in der
schmerzlichen Liebe so manchen nordischen Künstlers zur gotischen Form.
Der Wald, der den deutschen Menschen gebildet hat, ist nicht ein beliebiger Wald, nicht Wald an
sich, sondern der mitteleuropäische Bergwald, in seiner landschaftlichen Eigenart scharf
abgegrenzt, gegen die eigentlichen Nordlande durch das Meer, gegen die waldarmen, sonnigen
Gefilde der Romanen durch die Alpen.
Den westlichen und östlichen Nachbargebieten gegenüber ist das germanische Waldland
schöpferisch überlegen durch die reiche Grundriß- und Höhenzergliederung der
allenthalben die Landschaft individualisierenden Mittelgebirge, die in Frankreich und
Rußland fehlen. Wo anders als in den tausendfältigen Formen und Farben der Buchen-,
Eichen- und Tannenforste deutschen Bergwaldes, konnte die fromme Abenteuerlust des germanischen
Jünglings, die herbsüße Reinheit und Sinnigkeit des deutschen Mädchens erstehen.
Das ein aufnahmefähiges, erlesenes Geschlecht seine Siedlungen in diesen kühlen,
feierlichen Waldgebirgen aufgeschlagen hat, die auf der Erde nicht ihresgleichen haben, das schuf
den deutschen Dichter und Denker, die Schnitz- und Bastverarbeitungstechnik der Bildner und
Erfinder. Aus der Rauheit des Winters und dem Dämmer der Regen- und Nebelmonde erwuchsen
Familiensinn und Sippenfreudigkeit.
Die Gefahren aber der Sümpfe, Schluchten und Dickichte erzeugten Kraft und Opferbereitschaft,
mystisches Erfassen von Führertum und Gefolgschaftswert, germanische Treue,
Nibelungenmenschen.
Darum, deutsche Jugend, schätze den Wald!
Was in deiner Seele aufzittert, wenn du ihn betrittst, das ist der Urgrund deiner Wesensart, den
seinem Hauch - und sei es Gewittersturm - die falschen Lehren und die fremden Ängste aus dem
Herzen fegen, daß du deinen Wert erkennst und deine Art frei machest zu deutschen Taten.
Aus Burgstädter Anzeiger und Tageblatt Nr. 131, vom Sonnabend, den 7. Juni 1930