Von deutschen Wäldern und von der deutschen Seele


                Dr. A. Diehl - Würzburg

Die Idee, den geistigen Menschen als Träger einer erbhaft bedingten Kultur aus dem Charakter der Landschaft zu begreifen, die ihn gebildet hat, ist die Frucht kulturkundlicher und kunstwissenschaftlicher Erkenntnisse, deren Spuren wir schon in der Literatur des 18. Jahrhunderts finden.

Wettinhain Burgstädt
Doch erst die seelenkundlich unterrichtete Betrachtungsweise unserer Zeit hat die feineren Beziehungen erschlossen. Wir erkennen beispielsweise den Einfluß der als Linie und Umriß wirksamen Landschaftsformen des Niltales und der lybischen Wüste in den Stileigenheiten der altägyptischen Kunst.

Wir verstehen die Kultur der Griechen aus dem Zusammenklang von Woge, Fels, Olivenhain und Bergwald; aus der Klarheit, Urkraft und Schönheit der wechselfreudigen, buchten- und inselreichen Küstenlandschaft, die das begabte, aus der Dämmerung des Nordens gekommene Volk besiedelte.

Die groteske Architektur und Bildnerei Indiens findet ihre Deutung in den üppigen und bizarren Formen seiner Pflanzen- und Tierwelt. Das Reich der indisch-arabischen Märchen ist nicht denkbar ohne den Geist aus vorderasiatischen Felsengebirgen, Palmenwäldern, schaurigen Sandwüsten und unabsehbaren Seegestaden.

Während nun solche Zusammenhänge bei den antiken, romanischen und exotischen Kulturen vielfache zutreffend beleuchtend worden sind, hören wir weniger über die landschaftsbedingte Eigenart des deutschen Volkes. Und doch ist es in gegenwärtiger Zeit wertvoller, das Erdgeistige der eigenen Seele kennen zu lernen, als sich in der Anschauung artfremder Kulturen zu verlieren.

Kein besseres Kampfmittel gibt es wider die bedrohlichen Strebungen, den internationalen Menschen zu schaffen, als die Erkenntnis vom eigenen Werte.
Wer aber erst sein Artbewußtsein verloren hat, der wird auch bald seiner Persönlichkeit ledig werden.

Er wird "Masse Mensch" und erfüllt damit das ersehnte Programm der beiden polar verwandten Entartungserscheinungen des Jahrhunderts, des Bolschewismus oder des Weltkapitalismus.

Deutsches Wesen kommt vom Walde. Wir bewohnten seit zweitausend Jahren ein Waldland - noch heute zählt Deutschland zu den waldreichen Ländern des Erdballes - von ganz bestimmter Prägung. Daher brauchen wir nur den deutschen Wald aufzusuchen, um bei uns selber Einkehr zu halten.

Das Wandervogelwesen, das Pfadfindertum der deutschen Jugend ist bewußte Abwehr artfremden Geistes, der in den Städten gärt und in den Büchern lauert. Nicht minder ist es der typische Waldhunger des seßhaften Bürgers. Im Verständnis für Walderholungsstätten und Waldfriedhöfe kommt urdeutsches Wesen zum Ausdruck. So lebt in der deutschen Waldfreudigkeit die Absage an jene heimatlos gewordene Weltanschauung, welche die bluthaft (erbbiologisch) und erdgeistig begründete Wertigkeit des Menschen leugnet und damit Kultur, Kunst, und Persönlichkeit verneint.

Diese Erkenntnis empfinden die Feinde des deutschen Gedankens als Dorn im Fleische, und weil sie, einmal geweckt, unverwundbar bleibt wie Siegfried, wird sie mit Gift bekämpft. Es ist immer ein verdächtiges Unterfangen, wenn Literaten oder solche, die sich Künstler nennen, durch Verhimmelung fremdländischer, besonders exotischer Kulturen unseren Blick von der Heimat abzulenken versuchen.

Wer kennt nicht die Gepflogenheit mancher Schriftsteller, ihre eigene Schollenlosigkeit hinter dem sattsam beackerten "internationalen Milieu" zu verstecken? Selbst an die Kinderzeitschriften und an das Kunstmärchen wagen sich neuerdings die Versuche einer berechnenden Entheimatung. Ferner sei hingewiesen auf die krampfartigen Experimente in den Großstädten, uns fremde Kunst- und Kulturformen aufzuzwingen.

Der Geist des deutschen Waldes hat - von der vorgeschichtlichen Zeit abgesehen - vor siebenhundert Jahren unserer Kultur das Gepräge gegeben. Es geschah in der Gotik, die nichts anderes ist als die nordisch-germanische Form des Christentums. Hierbei haben wir unter Gotik die Kulturwende in ihrer Gesamtheit, nicht lediglich den Baustil zu verstehen. Freilich offenbarte sie sich äußerlich am deutlichsten in der Baukunst.

Der im nordisch-germanischen Frankreich entwickelte Stil hat in Deutschland das tiefste Verständnis, die reifste und reinste Form gefunden, während die eigentlichen Romanen ihn nie ganz begriffen. Ein Vergleich italienischer Bauwerke dieser Epoche etwa mit dem Straßburger Münster erweist es unwiderleglich. Wer die pflanzenhaft sprossende, organische Struktur eines deutschgotischen Domes auf sich wirken läßt, dem wird die Waldesverwandtschaft des gotischen Gedankens zum unmittelbaren Erlebnis.

Nur ein walddenkendes Geschlecht, dessen Vorfahren die Gottheit in den Wäldern verehrten, dessen Urtechnik eine Schnitztechnik gewesen ist, dessen Einbildungskraft im Dämmer der Wälder zu unvergleichlicher Weite und Lebhaftigkeit ausreifen mußte, nur ein solches Menschengeschlecht konnte jene unbeschreiblich vollendete, ganz Geist und Seele umfassende Kunst hervorbringen, die wir Gotik nennen.

Um 1230 hat sich in deutschen Landen der gotische Stil die bis dahin durch fast ein Jahrtausend entwickelte Mischkunst aus klassischen Bauformen (römischer Herkunft) und nordischem Zierwerk, romanische genannt, überwunden. Es war das Aufbegehren der Deutschen Waldesseele wider den Geist aus der Fremde. Daher bedeutete die um 1450 von Italien ausstrahlende Renaissance, welche die Gotik ablöste, trotz ihrer befruchtenden Wirkung im Einzelnen, als Ganzes genommen kein Glück für die Germanen.

Sie ist im Waldlande auch nie ganz heimisch geworden. Die großen deutschen Renaissancekünstler sind in tiefster Seele Gotiker geblieben, und gar der Kirchenbau bediente sich bis in die Anfänge des 17. Jahrhunderts der gotischen Formensprache. Erst die dritte Kulturwelle aus dem Süden, das Barock, hat den Geist der Gotik gewandelt. Nicht überwunden; denn er lebt noch heute. Lebt in deutscher Waldsinnigkeit; lebt in der schmerzlichen Liebe so manchen nordischen Künstlers zur gotischen Form.

Der Wald, der den deutschen Menschen gebildet hat, ist nicht ein beliebiger Wald, nicht Wald an sich, sondern der mitteleuropäische Bergwald, in seiner landschaftlichen Eigenart scharf abgegrenzt, gegen die eigentlichen Nordlande durch das Meer, gegen die waldarmen, sonnigen Gefilde der Romanen durch die Alpen.

Den westlichen und östlichen Nachbargebieten gegenüber ist das germanische Waldland schöpferisch überlegen durch die reiche Grundriß- und Höhenzergliederung der allenthalben die Landschaft individualisierenden Mittelgebirge, die in Frankreich und Rußland fehlen. Wo anders als in den tausendfältigen Formen und Farben der Buchen-, Eichen- und Tannenforste deutschen Bergwaldes, konnte die fromme Abenteuerlust des germanischen Jünglings, die herbsüße Reinheit und Sinnigkeit des deutschen Mädchens erstehen.

Das ein aufnahmefähiges, erlesenes Geschlecht seine Siedlungen in diesen kühlen, feierlichen Waldgebirgen aufgeschlagen hat, die auf der Erde nicht ihresgleichen haben, das schuf den deutschen Dichter und Denker, die Schnitz- und Bastverarbeitungstechnik der Bildner und Erfinder. Aus der Rauheit des Winters und dem Dämmer der Regen- und Nebelmonde erwuchsen Familiensinn und Sippenfreudigkeit.

Die Gefahren aber der Sümpfe, Schluchten und Dickichte erzeugten Kraft und Opferbereitschaft, mystisches Erfassen von Führertum und Gefolgschaftswert, germanische Treue, Nibelungenmenschen.
Darum, deutsche Jugend, schätze den Wald!

Was in deiner Seele aufzittert, wenn du ihn betrittst, das ist der Urgrund deiner Wesensart, den seinem Hauch - und sei es Gewittersturm - die falschen Lehren und die fremden Ängste aus dem Herzen fegen, daß du deinen Wert erkennst und deine Art frei machest zu deutschen Taten.

Aus Burgstädter Anzeiger und Tageblatt Nr. 131, vom Sonnabend, den 7. Juni 1930

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