… Am 17. Mai 1933 richtete Otto Wels einen Brief an das Büro der 11. Internationale und
verlangte darin den im März niedergelegten Vorstandssitz zurück. Hier sein Schreiben:
"Zu meiner Mandatsniederlegung als Mitglied des Büros der 2. Internationale habe ich mich
entschlossen in der Absicht, der Regierung einen Vorwand zu einem Gewaltstreich zu nehmen. Nun haben
die Hitlerbanditen den entscheidenden Schlag geführt. Die Zeit, wo wir hoffen konnten, durch die
Ausschaltung von Vorwänden für Gewaltmaßnahmen etwas zu retten, ist vorüber. Wir
haben nun die Aufgabe, den Kampf der Arbeiterklasse neu aufzunehmen. Damit ist der Moment gekommen,
wo ich erklären will, daß ich meine Ankündigung des Austritts aus dem Büro der
2. Internationale zurückziehe."
Diesen Brief empfing die 2. Internationale am 18. Mai, an demselben Tage, das sie zusammen mit dem
Internationalen Gewerkschaftsbund "Kampfmaßnahmen gegen die Reichsregierung
vorzubereiten" beschloß, da "das ganze Land vom Faschismus tyrannisiert
werde". Hilferding und Breitscheid beteiligten sich an Sitzungen der sozialistischen
Kammerfraktion in Paris und ließen sich von dem Abgeordneten Viengot in seiner Haßrede
auf Deutschland als "Märtyrer" der deutschen Sozialdemokratie feiern!
Während die Reichsleitung der sozialdemokratischen Partei Mitte Juni in Berlin mit dem Gedanken
umging, nach Paris überzusiedeln, leistete sich Otto Wels ein neues Schandstück. Er
telegraphierte nämlich am 14. Juni an den Vorsitzenden der Arbeitergruppe auf der internationalen
Arbeitskonferenz in Genf:
"Die Sozialdemokraten und die im Geiste der Freien Gewerkschaften kämpfenden Arbeiter
Deutschlands begleiten mit lebhafter Teilnahme euren Kampf gegen die faschistischen Unterdrücker
und Zerstörer der sozialistischen Arbeiterbewegung sowie euren Protest gegen die Schande der
grausamen Verfolgung in Kasernen, Gefängnissen und Konzentrationslagern. Dafür ist euch der
Dank aller freiheitlichen Menschen in Deutschland gewiß."
Das war selbst den Berliner Sozialdemokraten zuviel. Der Vorstand der Partei mißbilligte
ausdrücklich alle im Ausland ergehenden Kundgebungen und erklärte, daß niemand im
Auslande ein Recht habe, im Namen der Partei zu sprechen. Es machte sich eine Strömung bemerkbar,
die auf den Ausschluß von Wels, Stampfer und Hertz hinarbeitete und Löbe zum
Parteivorsitzenden machen wollte. Jedoch die Partei brachte nicht mehr die Kraft auf, Entscheidungen
zu treffen. In der Vorstandsitzung des 20. Juni wurden die Hetzer im Ausland nicht etwa
ausgeschlossen, sondern es wurde lediglich ein neuer Vorstand gewählt, dem außer Löbe
und Zille noch Stelling, Riller und Künstler angehörten. Mitte Juni war der Zustand der deutschen Sozialdemokratie so, daß es nahezu keine
Organisationen und keine beitragszahlenden Mitglieder mehr gab.
Die meisten sozialdemokratischen Wahlvereine hatten sich freiwillig aufgelöst, nachdem die
Vorstandsmitglieder ihre Ämter niedergelegt hatten. Hinter den sozialdemokratischen Abgeordneten
standen keine Wählerorganisationen mehr. Es gab höchstens noch einige Restbestände von
Funktionären.
Die verbissensten Sozialdemokraten hatten sich beizeiten in Sicherheit gebracht: Wels, Stampfer,
Hertz, Crispien, Hilferding, Breitscheid waren ins Ausland gegangen. Prag, wo Stampfer und
Heimannsberg sich aufhielten, Wien, das Hilferding eine Zuflucht bot, Zürich, wohin sich
Grzesinski gewandt hatte, Saarbrücken, von wo aus Otto Braun und Otto Wels Gift und Lüge
gegen das neue Deutschland verbreiteten, bildeten sich als Zentralen der sozialdemokratischen
Emigranten heraus, und von hier aus ging die Verbindung zu Breutscheid, der in Paris als
Verbindungsmann zu den französischen Marxisten fungierte.
Philipp Scheidemann hatte sich nach New York eingeschifft und hetzte von hier aus zum Kriege gegen
Deutschland!
Jetzt bedurfte es nur noch eines Anlasses von außen, um das brüchige Parteigebäude
vollends zusammenbrechen zu lassen. Dieser Anlaß kam schneller als man dachte.
In Berlin-Köpenick sollten S.A.-Leute am Abend des 21. Juni 1933 eine Haussuchung vornehmen. Ein
23jähriger Sozialdemokrat schoß, tötete zwei Leute und verwundete zwei S.A.-Leute
schwer, so daß auch von diesen noch einer starb.
Am darauffolgenden Tage sprach der Reichminister Dr. Frick das Verbot der Partei und die
Beschlagnahme des Parteivermögens sowie der Diätensperrung aus.
Es wurde weiter bestimmt, daß sozialdemokratische Zeitungen und Zeitschriften nicht mehr
herausgegeben werden durften und daß kein Beamter, Angestellter, Arbeiter und öffentlicher
Ruhegeldsempfänger mehr dieser Partei angehören dürfe.
Die Reichsregierung begründete dies Vorgehen damit, daß die sozialdemokratische Partei eine
Klique von Landes- und Hochverrätern sei.
Ihre Führer wie Wels, Breitscheid, Stampfer, Vogel befänden sich seit Wochen in Prag und
hetzten von hier aus die Arbeiterschaft der übrigen Länder gegen die nationale deutsche
Regierung auf. Die Sozialdemokratie wurde außerhalb des Gesetzes gestellt und ihre
Funktionäre verhaftet. Ihren Abgeordneten wurden die parlamentarischen Rechte und die Mandate
entzogen.
Den Schlußstein dieser Erledigung der Sozialdemokratie bildete die Aberkennung der deutschen
Staatsangehörigkeit bei 33 Marxisten Ende August 1933, da sie durch ein Verhalten, das gegen die
Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk verstoße, die deutschen Belange geschädigt haben.
Unter den ausgestoßenen und Geächteten befanden sich Georg Bernhardt, Rudolf Breitscheid,
Dr. Friedrich Wilhelm Förster, Helmut von Gerlach, Grzesinski, Emil Gumbel, Max Hölz,
Heinrich Mann, Münzenberg, Heinz Werner Neumann, Scheidemann, Stampfer, Toller und Otto Wels.
Ihre Vermögen wurden beschlagnahmt.
So, nun kann sich jeder einmal selbst darüber seine Meinung bilden. Eine aus der Historie
nachweislich kriminell gewordene Partei will uns verbieten oder zerschlagen!
Es bedarf jetzt keiner weiteren Worte mehr.
Quelle: Geschichte unserer Zeit von Dr. Karl Siegmar, Baron von Galera, Band 7, Nationale Verlagsgesellschaft mbH Leipzig