[Außerdem neu auf unserer Homepage ein Bericht über arabische Intellektuelle, die von
Islamisten und Regimen bedroht werden, sowie Reaktionen auf den Widerruf des
ägyptischen Autors Al-Qimni (¸Arab Intellectuals: Under Threat by Islamists‘);
zu Qimni s. www.memri.de/uebersetzungen_analysen/themen/liberal_voices/ges_qimni_25_08_05.html.]
MEMRI Special Dispatch, 23. November 2005 Arabische Stimmen zum UN-Holocaust-
Gedenktag bersetzt und zusammengestellt von Wael El-Gayar*
Auf Initiative Israels aber ohne formelle Abstimmung beschlossen die UN Anfang November,
den 27. Januar – Tag der Befreiung von Auschwitz - zum internationalen Gedenktag für die
Opfer des Holocaust zu erklären. Laut UN-Erklärung solle die Resolution, die sich
auch gegen "religiöse Intoleranz" sowie "Aufstachelung und Gewalt gegen
Personen oder Gruppen wegen deren ethnischer Herkunft oder ihres religiösen Glaubens"
wendet, dazu beitragen, zukünftige Genozide zu verhindern.
Kaum eine arabische Zeitung ließ diese Resolution unkommentiert. Der Tenor war nahezu
einhellig: Zwar spreche an sich nichts gegen einen Holocaustgedenktag, es könne aber
nicht angehen, dass allein des Genozids an den Juden gedacht werde und andere – insbesondere
die palästinensischen Opfer im Nahostkonflikt – unbeachtet blieben. Von
"Geschichtsfälschung" und "politischer Instrumentalisierung des
Holocaust" im Dienste Israels war etwa in der Zeitung Al-Watan aus Qatar die Rede.
Vor diesem Hintergrund werden auch die UN-Repräsentanten der arabischen Länder
dafür kritisiert, nicht genügend gegen diese Resolution protestiert zu haben. So
bemängelte die Al-Quds Al-Arabi aus London, dass die arabischen UN-Vertreter nicht
versucht hätten, der Resolution "einen Absatz hinzuzufügen, mit dem die
Völker der Welt über die Tragödie des palästinensischen Volkes unter der
Herrschaft der Opfer des europäischen Rassismus aufgeklärt werden".
Einige Artikel knüpften auch an Argumentationsmuster der Holocaustleugnung oder –
relativierung an. So habe der Zionismus mit dem NS-Staat kooperiert, um die europäischen
Juden zur Auswanderung nach Palästina zu bewegen (Al-Quds Al-Arabi, 19.11. 2005).
Außerdem, so schreibt der renommierte Autor Arafat Hijazi in der großen jordanischen
Tageszeitung Al-Dustour am 16. 11.2005, habe die Zahl der ermordeten Juden weit weniger als
sechs Millionen betragen, "weil es doch damals insgesamt in Europa nur drei Millionen
gegeben habe, von denen die meisten überlebt hätten". In Palästina sei dann
ein Staat gegründet worden, "nachdem sich alle europäischen Völker
geweigert haben, mit diesen Juden zusammenzuleben, die fortwährend jene Staaten und
Völker verrieten, die sie beherbergt haben".
Im Folgenden dokumentieren wir Auszüge aus zwei Beiträgen. In der Zeitung Al-Sharq
Al-Awsat (London) erklärt sich Zain Al-Abidin Al-Rukabi prinzipiell einverstanden mit
der Resolution und erinnert an die Aussagen im Koran gegen Völkermord und Tyrannei. Er
weist aber darauf hin, dass auch andere gelitten haben und warnt vor der Verallgemeinerung
eines "europäischen Verbrechens".
Radikalere Stimmen leugnen den Holocaust und bezeichnen ihn als zionistisches Konstrukt, mit
dem die Machtpolitik von Juden und Zionisten legitimiert werden solle. Zur Illustration
dieser Perspektive dokumentieren wir einen Artikel von Dr. Ibrahim Alloush, erschienen in der
ägyptischen, dem Islamismus nahe stehenden, Zeitung Al-Shaab.
"Der Holocaust und die UN: Ja, zur Würde des Menschen..., nein, zum Rassismus"
Nachdem der Autor die UN-Resolution skizziert hat, erklärt er: "Prinzipiell ist
nichts gegen diese Resolution einzuwenden. Schließlich ist die Verurteilung des
Genozids, gleich unter welchem Namen oder Vorwand er stattfindet, auch im Islam unumstritten.
Zu dessen Grundsätzen zählt, dass ¸Gott am Tag der Auferstehung diejenigen
martern wird, die andere Menschen gefoltert haben‘, wie es im Hadith heißt."
Das gelte, so zitiert der Autor weiter, für alle Menschen, gleich welcher Herkunft oder Religion.
Ferner verweist der Autor auf den Koran, wo Völkermord, Tyrannei und Verfolgungen
geächtet werden und die Täter im Höllenfeuer landen, sowie auf die enge
religiöse Verbundenheit zwischen Muslimen und Juden und kommt zu dem Schluss:
"Auf der Basis dieser Grundsätze darf man sich prinzipiell keinem humanitären
Beschluss widersetzen, der die Würde der Menschen bewahrt – und zwar aller Menschen –
und sie und ihr Leben schützt." "Allerdings", so der Autor weiter,
"muss man sich der Widersprüchlichkeit hinsichtlich des Begriffs der Menschheit
widersetzen, die ja im Zentrum der Resolution steht. Man muss sich gegen die rassistische
Tendenz wenden, welche die Resolution einengt und sie so ausfallen lässt, dass sie nur
einem bestimmten Volk, nämlich den Juden, dient. Die Resolution oder Teile von ihr
greifen eine Richtung heraus – nämlich die Erhöhung des Semitentums, was heißt,
dass den Juden eine besondere Stellung [gegenüber allen anderen] beigemessen wird!!!!!
Wenn wir Rassisten wären, dann würden wir diese Tendenz begrüßen, da wir
doch selbst uralte Semiten sind [...]."
Außerdem müsse man sich, so der Autor weiter, auch einer "Erhöhung" des
Semitentums widersetzen, in deren Zuge "die zionistischen Verbrechen und der Fanatismus
der Juden" ausgeblendet und „jede richtige, gerechte und rationale Kritik an diesen
Verbrechen als anti-semitisch gewertet wird".[...]
"Vehement widersetzen muss man sich daher auch, wenn das Recht auf wissenschaftliche
Forschung kassiert werden soll. Was soll es heißen, wenn die UN-Resolution ¸jede
gänzliche oder partielle Leugnung der Vergasung der Juden‘ verbietet? Zweifellos
haben die Nazis dieses ungeheuerliche Verbrechen begangen – aber wie bei den meisten
historischen Ereignissen gibt es auch Übertreibungen und Ausschmückungen
hinsichtlich des Ausmaßes des Verbrechens. Daher widmen sich Wissenschaftler und
Historiker der Klärung des tatsächlichen Geschehens, der Kritik an Dokumenten
usw. ..Warum sollte der Holocaust von dieser wissenschaftlichen Methode ausgenommen werden?![...]
Man muss sich auch der zionistischen Heuchelei über ihre eigenen Verbrechen widersetzen,
denn die Verurteilung von Völkermord muss umfassend sein und darf niemanden ausnehmen,
der solche Verbrechen begeht - auch wenn es Israel oder der Zionismus sind. [...] So ist zum
Beispiel das, was im palästinensischen Jenin geschah, auch ein Vernichtungskrieg – und
zwar gegen die Palästinenser. [...] Warum wird über diesen neuen Holocaust, der
sich bis zum heutigen Tage fortsetzt geschwiegen?"
Der Autor schließt mit einer Frage an die Leser:" Diejenigen, welche die
Verbrechen an den Juden verübt haben, waren keine Araber und keine Muslime, sondern
weiße, christliche Europäer. Würden Sie diese Verbrechen deshalb als weiße
europäische Verbrechen bezeichnen, so wie sie [die Europäer] es mit uns [den
Arabern und Muslimen] tun? Wir sollten nicht verallgemeinern, so wie sie es tun, denn
Verallgemeinerungen bringen Unrecht, Ignoranz und Rassismus mit sich." [1]
"Mit der Anerkennung der Vernichtung [2] wird die Privilegierung jüdischen
Leids anerkannt"
"[…] Zionistische Internetseiten berichteten, dass ‘Israel‘ in diesen Tagen
seine glücklichsten Momente bei den Vereinten Nationen erlebt, weil ein ¸Israeli‘
zum Stellvertreter des Vorsitzenden der Generalversammlung ernannt wurde. Außerdem
strebt der Feindstaat [Israel] gerade einen bequemen aber nicht dauerhaften Sitz im
Sicherheitsrat an... Warum auch nicht?! Schließlich hat die Generalversammlung ja auch
gerade mit 104 Staaten den jüdischen Schwindel international anerkannt. [...] Und diese
Resolution wurde von den 191 Staaten ohne jeden Widerstand angenommen – unter ihnen
natürlich auch die arabischen und islamischen Staaten. [...]
Der eigentliche Kern dieser Resolution hat natürlich nichts mit Massenmorden oder
irgendwelchem menschlichen Leid zu tun, weder dem der Juden noch anderer. Vielmehr steht er
im Zeichen der zunehmenden weltweiten Einflussnahme der zionistischen Bewegung und der
jüdischen Lobby. [...] Das Ausmaß der Unterstützung für diese Resolution hat
letztendlich mit der Wandlung des Kapitalismus zum Wucherkapitalismus im Zeitalter der
Globalisierung zu tun. Der internationale Kapitalismus tritt im Geiste des ¸praktischen
Juden‘ in Erscheinung, so wie ihn Karl Marx in seiner Abhandlung über die
Judenfrage nannte.
Kurz gesagt: Das Judentum oder die Ideologie des ¸praktischen Juden‘ ist zum
Hauptbestandteil der Ideologie der kapitalistischen Globalisierung geworden, sowie die
jüdischen Eliten integraler Bestandteil des neuen internationalen Geflechts geworden
sind. Dies bedeutet, dass die Resolution den Zionismus als weltweites Phänomen festigt
und er nicht nur – wie einige bei uns meinen – eine regionale Bastion des Kolonialismus in
der arabischen Welt ist.
Jenseits der Ideologie sind die meisten arabischen Kritiker in eine gefährliche
Medienfalle getappt, indem sie den Beschluss akzeptieren, der alle Staaten der Welt aufruft,
ihre Völker den Mythos der Vernichtung [des Brandopfers] beizubringen und gegen die
partielle oder umfassende Leugnung des Schwindels vorzugehen. Die Resolution hebt den
Schwindel [den Holocaust] über alles und jedes andere Leid - vor allem über die
Belagerung des Iraks und die Besetzung Palästinas [...]. Daran sind nicht zuletzt auch
einige arabische Journalisten Schuld, wenn sie sich jener Linie anschließen, die
erklärt: Ja, dieser Schwindel hat stattgefunden. Aber was ist mit dem Leiden von Nicht-
Juden?! Dürfen die Zionisten den Schwindel zur Legitimierung der Verletzung der Rechte
der Araber ausnutzen?! Und was haben wir mit dem Schwindel zu tun, sind diese Verbrechen doch
von den Europäern begangen worden? Wir haben damit absolut nichts zu tun!
Allein die Geschichte von den Gasöfen, in denen die Juden gestorben sein sollen, machen
den Schwindel zu einer Einzigartigkeit in der ganzen Menschheitsgeschichte [...] – einen
derartigen systematischen Genozid mit Hilfe von Gasöfen hat es ansonsten nicht gegeben.
Das ist die Quelle der Einzigartigkeit des Schwindels: der Ofen, nicht die Zahl [...]. Es ist
der Ofen, der alle anderen Leiden minderwertiger macht, von der Besatzung Palästinas bis
zur Belagerung des Irak und anderen. Wegen ihm verbleibt die Welt gegenüber den Juden in
einem Zustand ewiger geistiger Befangenheit. Deshalb ist der Schwindel kein geschichtliches
Ereignis, sondern zur Ideologie der zionistischen Weltherrschaft geworden.
Noch einmal: Die von der Generalversammlung angenommene Resolution, richtet sich gegen die
Historiker, die in wissenschaftlichen und historischen Studien bewiesen haben, dass die
Gasöfen nie existiert haben und dass darin kein einziger Mensch umkam. [...] Diese
Historiker leugnen nicht, dass Juden im Zweiten Weltkrieg oder in Internierungslagern getötet
wurden. Aber sie sagen, dass sie wie Millionen andere auch an Hunger, Krankheiten und
Bombardierungen gestorben sind. Die Widerlegung des Mythos von den Gaskammern nimmt dem Leid
der Juden seine Besonderheit und es wäre irrational, wenn wir den Schwindel anerkennen
würden. [...] Die Zionisten würden sich jedenfalls sehr freuen, wenn wir unsere Kritik
darauf beschränken würden, dass sie den Schwindel politisch instrumentalisieren." [3]
[1] Al-Sharq Al-Awsat, 05.11.2005
[2] Der arab. Begriff muhraqa bezeichnet eigentlich das Brandopfer. Der Autor variiert im
Text zwischen diesem Begriff und dem sehr ähnlich aussehenden Wort mikhraqa/makhraqa
(dt. Schwindel, Gaukelei), das er im Folgenden fast durchgehend für den Holocaust benutzt.
[3] Al-Shaab, 11.11.2005
* Wael El-Gayar ist Islamwissenschaftler und Mitarbeiter von MEMRI
THE MIDDLE EAST MEDIA RESEARCH INSTITUTE (MEMRI)
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