Deutsche Geschichte,IV. Das Frankenreich

Wappen bis zum reihnischen Bund
Weitere Entwicklung nach der Völkerwanderung

IV. Das Frankenreich

1. Chlodwig

1. Gründung des Frankenreiches.

Unter den neuen Reichen, die durch die Völkerwanderung entstanden, wurde bald das Frankenreich das mächtigste. Es lag im nördlichen Gallien und zu beiden Seiten des Niederrheins. Anfänglich wohnten die Franken östlich vom Rhein, drangen aber allmählich über den Strom nach dem nördlichen Gallien vor. Sie waren gefürchtete Krieger und galten den Feinden als die grausamsten und treulosesten aller Menschen. Ursprünglich zerfielen sie in viele einzelne Stämme oder Gaue. Jeder Gau wählte sich seinen König. Dieser trug zum Zeichen seiner Herrschaft über dem lang herabwallenden Haupthaar einen goldenen Ring; die übrigen Franken schoren ihr Haar kurz. Der erste König, der die einzelnen Reiche zu einem großen vereinte, war Chlodwig, aus dem Geschlecht der Merowinger.

2. Chlodwigs Bekehrung.

Zwischen Vogesen und Lech wohnten die Alamannen. Sie waren wegen ihrer Räuberei sehr gefürchtete Nachbarn. Chlodwig griff sie am Oberrhein an. Schon neigte sich das Glück in der Schlacht auf die Seite der Alamannen. Da gedachte der Sage nach Chlodwig an den mächtigen Christengott, von dem ihm seine Gemahlin Chlothilde, eine Christin, erzählt hatte, und rief: „Hilf mir, Jesus Christus! Ohnmächtig sind meine Götter. Wenn du mir in der Not beistehst, will ich an dich glauben.“ Bald darauf wandten sich die Alamannen (im Jahre 496) zur Flucht. Am folgenden Weihnachtstage ließ sich Chlodwig mit noch 3000 edlen Franken zu Reims taufen. Von da an breitete sich das Christentum im Frankenreiche schnell aus. Der Papst nannte Chlodwig den „allerchristlichsten König“. Doch war Chlodwig nur aus Berechnung Christ geworden. Er gewann so die Hilfe der katholischen gallischen Bevölkerung und der Bischöfe. Sein wildes Herz war nicht gebessert worden. Er blieb roh und sicherte sich und seinen Nachkommen die Herrschaft durch grausame Ermordung aller übrigen Frankenfürsten.

Gedicht: Simrock, die Schlacht bei Zülpich.

2. Die Hausmeier

1. Karl Martell . 732.

Die Nachfolger Chlodwigs waren teils grausame Tyrannen, teils feige Schwächlinge. Sechs fränkische Könige kamen in 40 Jahren durch Mord und Gift um. Zuletzt versanken die Merowinger immer mehr in Trägheit und Genußsucht und waren nur noch Schattenkönige. um die Regierung kümmerten sie sich nicht, sondern überließen sie dem Hausmeier, der ihre Güter verwaltete. Nur einmal im Jahre erschien der König vor dem Volke auf dem „Märzfelde“, um die Geschenke entgegenzunehmen, die ihm das Volk darbringen mußte. Unter den Hausmeiern zeichnete sich besonders Karl Martell aus. Zu seiner Zeit drangen die Araber, die bereits Spanien erobert hatten, ins Frankenreich ein. Karl stellte sich ihnen entgegen und schlug sie in einer mörderischen Schlacht bei Tours (tuhr) und Poitiers (poatjeh) aufs Haupt. 100000 Sarazenen bedeckten das Schlachtfeld. Die Christenheit war gerettet. Wegen seiner Tapferkeit erhielt Karl den Beinahmen „Martell“, das bedeutet der Hammer. Zum weströmischen Reiche gehörte bald nur noch Italien; alle anderen Provinzen waren von deutschen Volksstämmen besetzt. Auch in Italien konnte sich der Kaiser nur noch mit Hilfe deutscher Mietstruppen halten. An der Spitze derselben stand zuletzt der Heerführer Odoaker. Der forderte von dem Kaiser Romulus Augustulus, der noch ein Knabe war, den dritten Teil Italiens für seine Truppen. Als ihm dies der Kaiser verweigerte, setzte er ihn ab und machte sich selbst zum König von Italien. Das war im Jahre 476.

Das Ostgotenreich unter Theodorich dem Großen.
Aber auch Odoakers Reich war nur von kurzer Dauer. Denn bald kam Theodorich der Große, den die Sage Dietrich von Bern nennt, mit seinen Ostgoten aus Ungarn herbei, beseitigte Odoaker und nahm Italien in Besitz. Unter Theodorich hatte Italien Frieden und gelangte zu hoher Blüte. Wasserleitungen wurden angelegt und Sümpfe getrocknet. Wo steinige Wüsten gewesen waren, wogten wieder Kornfelder. Die Hauptstadt Ravenna schmückte Theodorich mit Kirchen und anderen Bauten. Gegen die Römer übte er Milde. 60 Jahre dauerte hier das Gotenreich. Nach Theodorichs Tode bereiteten List und Verrat dem Volke den Untergang. 20 Jahre hatte es sich heldenmütig gegen die Oströmer verteidigt, dann erschien Narses, der Feldherr des oströmischen Kaisers, und trieb die Goten nach Süden bis an den Vesuv. Hier erkämpfte der letzte Gotenkönig Teja unauslöschlichen Ruhm für sein Volk. tagelang dauerte die Schlacht. In der ersten Reihe stand Teja wie ein Turm und sandte seine Lanzen mit unerschütterlicher Ruhe in die Reihen der Feinde. Als er aber den breiten, mit Speeren bespickten Schild wechseln wollte, traf ihn ein rascher Wurf. Die letzten Goten erhielten freien Abzug und verschwanden in der germanischen Völkerwelt nördlich der Alpen. Italien wurde eine Provinz des oströmischen Reiches.

Das Langobardenreich.
Schon im Jahre 568 eroberten die Langobarden, die bisher in dem heutigen Brandenburgischen und Lüneburgischen gewohnt hatten, unter ihrem Könige Alboin den größten Teil Italiens und gründeten hier das langobardische Königreich mit der Hauptstadt Pavia. Mit dem Zuge der Langobarden endete die Völkerwanderung.

Das römische Weltreich war zertrümmert.
Römisches Wesen aber blieb sehr lange von Einfluß. Latein wurde die Sprache der Kirche, der Gelehrten und Staatsmänner . Die Ostgermanen (Goten) waren untergegangen. Von den neugegründeten westgermanischen Reichen hatten nur wenige Bestand. Indem sich die Germanen mit den Römern vermischten, entstanden die romanischen Völker: Italiener, Franzosen, Spanier und Portugiesen. In die früher von Germanen bewohnten Gebiete östlich der Elbe und Saale drangen die Slawen ein.

Lesestoff: Felix Dahn, Ein Kampf um Rom (1876 PDF 2.16 Mb) und Albrecht Keller, Der Untergang der Ostgoten.

2. Pipin der Kurze.

Die Macht der Hausmeier nahm von Jahr zu Jahr zu, und Karl Martells Sohn, Pipin, unterzeichnete seine Verordnungen bereits als „Herzog und Fürst von Franken“. Um zu der Macht auch den königlichen Namen zu erlangen, wandte sich Pipin an den Papst mit der Frage: „Ist es recht, daß derjenige König ist, der müßig zu Hause sitzt, oder derjenige, der die Mühen und Gefahren der Regierung trägt?“ Der Papst antwortete, wie es Pipin erwartet hatte: „Der die Mühen und Gefahren der Regierung trägt.“ Da ließ Pipin dem letzten Merowinger, Childerich III., die langen Locken abschneiden und ihn in ein Kloster stecken. Er selbst aber wurde vom Bischof zum Könige der Franken gesalbt. Zum Danke dafür schenkte Pipin dem Papste ein Stück Land in Italien. Aus diesem entwickelte sich später der Kirchenstaat.

3. Ausbreitung des Christentums in Deutschland. (Bonifatius. 754.)

1. Glaubensboten.

Etwa sechs Jahrhunderte waren seit der Geburt Christi vergangen, und noch lebte ein großer Teil des deutschen Volkes im Heidentum. Um diese Zeit kamen christliche Glaubensboten aus Irland und England nach Deutschland, um hier das Evangelium zu predigen. Unter diesen waren die wichtigsten Fridolin, Kolumban und Gallus (der Gründer des Klosters Sankt Gallen in der Schweiz). Sie wirkten im Süden Deutschlands. Im Norden waren später Wilibrord und besonders sein Schüler Winfried, ein Angelsachse, tätig. Winfried erhielt später vom Papst den Namen Bonifatius (= der Glückliche; Winfried = Glückskind).

2. Bonifatius bekehrt die Hessen und Thüringer.

Zuerst ging Bonifatius zu den Friesen, wo schon sein Lehrer Wilibrord als Missionar tätig war. Aber die Friesen waren ein rohes, wildes Volk. Sie widerstanden mit ihrem Könige Radbod hartnäckig den christlichen Lehren. Da Bonifatius bei den Friesen nichts ausrichten konnte, begab er sich später zu den Hessen und Thüringern. bei dem Dorfe Geismar in Hessen stand eine uralte, mächtige Eiche, die dem Donnergotte Donar geheiligt war. Das Volk brachte darunter seine Opfer und glaubte, wer den Baum verletzte, den würde Donar durch seinen Blitz erschlagen. Kühn ergriff Bonifatius die Axt und begann, das Heiligtum zu fällen. aber kein Blitzstrahl zerschmetterte den Frevler. Krachend stürzte die Eiche zu Boden. Nun erkannte das Volk die Ohnmacht seiner Götter und nahm willig die Lehren des Christentums an. An der Stelle, wo die Eiche gestanden hatte, errichtete Bonifatius ein Kreuz, und aus dem Holz des Baumes ließ er eine Kapelle bauen.

Die Predigt des heiligen Bonifatius
Die Predigt des heiligen Bonifatius
3. Bonifatius wird Erzbischof.

Mit mehreren Gehilfen zog Bonifatius nun von Land zu Land und breitete die Lehre aus. Überall fielen die Götzenbilder, und Kirchen und Klöster traten an die Stelle. Bonifatius gründete auch das Kloster Fulda, worin Glaubensboten für die Bekehrung der Deutschen ausgebildet wurden. Für seinen Eifer ernannte ihn der Papst zu Erzbischof und zu seinem Stellvertreter in Deutschland. Nun konnte er nach eigenem Ermessen Bischofssitze gründen und die Kirche von ganz Deutschland einheitlich regeln. Als später der Bischofssitz in Mainz frei wurde, ernannte ihn der Papst zum Erzbischof von Mainz.

4. Sein Tod 754.

Als 74 jähriger Greis ging Bonifatius noch einmal zu den Friesen und predigte ihnen das Evangelium. Zum Pfingstfeste hatte er alle Neubekehrten zu sich geladen, um ihnen die Firmung zu erteilen. In einem Zelte erwartete er sie. Aber kaum graute der Tag, da erschien eine Schar wilder Heiden, die mit geschwungener Keule auf das zelt zustürzten. Die Begleiter des Bonifatius griffen schnell zu den Waffen, um das Haupt ihres geliebten Lehrers zu schützen. Er aber rief ihnen zu: „Lasset ab vom Kampfe, vergeltet nicht Böses mit Bösem. hoffet auf den Herrn, er wird eure Seele erretten.“ mit wildem Geheul stürzten die Feinde herein und streckten ihn und seine Begleiter nieder. Seine Leiche wurde nach dem Kloster Fulda gebracht.

Lesestoff: Gustav Freytag, Ingraban.

Die Araber.
Etwa reichlich 100 Jahre früher (622 n. Chr.) war nämlich in Mekka durch Mohammed eine neue Religion, die mohammedanische, gestiftet worden. Es gibt nur einen Gott, so lehrte er, und Mohammed ist sein Prophet. Das Schicksal eines jeden Menschen ist im voraus von Gott bestimmt, keiner vermag etwas daran zu ändern. Wer in der Schlacht fallen soll, der fällt, auch wenn er dem Kampf fern bleibt. Gebet führt auf halbem Wege dem Herrn, Fasten bis an die Tür seines, Almosen öffnet seine Pforten, das Schwert aber, für die Sache des Herrn gezogen, führt zur höchsten Glückseligkeit. Der Genuß des Weins und des Schweinefleisches ist den Mohammedanern verboten. Die Lehren Mohammeds wurden nach seinem Tode in ein Buch geschrieben, das den Namen Koran führt; die Lehre selbst heißt Islam, ihre Anhänger nennt man Muselmänner, die Mönche Derwische, die Bethäuser Moscheen. Als höchstes Heiligtum gilt die Kaaba in Mekka, wohin die Gläubigen alljährlich wallfahren.

Mohammed fand in seiner Vaterstadt Mekka zunächst nur einige wenige Anhänger. Er mußte sogar, um seinen Feinden zu entgehen, 622 nach Medina fliehen. Mit diesem Jahr beginnen die Mohammedaner ihre Zeitrechnung. Siegreich zog Mohammed aber bald wieder in Mekka ein. Er starb 632 als Herr von ganz Arabien.

Nach seinem Tode eroberten seine Nachfolger, die Kalifen, Vorderasien, dann Nordafrika, wo die blühenden Christengemeinden zerstört wurden. Bei Gibraltar gingen sie nach Spanien hinüber und unterwarfen das Westgotenreich. Das Frankenreich rettete der Sieg Karl Martells. Nachdem die Araber ihre Herrschaft begründet hatten, begannen sie, die Kunst und Wissenschaft zu pflegen. Bald waren sie das gebildetste Volk der damaligen Zeit, und mancher Deutsche wanderte nach Spanien, um bei den Arabern, die hier Mauren genannt wurden, in die Schule zu gehen. Durch sie sind wir mit den „arabischen“ Ziffern und der Algebra (Buchstabenrechnung) bekannt geworden. Wahrhaft Großartiges leisteten sie in der Baukunst. Weltberühmt ist die Alhambra, das Königsschloß in Granada. Erst 1492 wurden die letzten Mauren aus Spanien vertrieben.

4. Klosterwesen.

1.Ausbreitung.

Seit Einführung des Christentums in Deutschland breitete sich hier das Klosterwesen immer mehr aus.
Ursprünglich stammt es aus dem Morgenlande, besonders aus Ägypten. Hier gab es schon frühzeitig viele fromme Einsiedler. Sie meinten, in der Einsamkeit könne man Gott am besten dienen. Anfangs lebte jeder Einsiedler, in einer besonderen Hütte. Im 4. Jahrhundert aber bildeten sich Vereine von Einsiedlern, die in einem gemeinschaftlichen Hause, einem Kloster, wohnten und nach strengen Regeln lebten. Es gab Männer- und Frauenklöster. Die Männer hießen Mönche, die Frauen Nonnen. Vom Morgenlande aus breitete sich dann das Klosterwesen auch im Abendlande aus, besonders in Italien, Frankreich und Deutschland.

2. Klosterleben.

Das stand oft mitten im Walde auf einem Hügel oder in einem lieblichen Tale. Es war in der Regel mit einer hohen Mauer umgeben und glich mit seinen vielen Gebäuden einer befestigten kleinen Stadt. Die Klausur, das Wohnhaus der Mönche, mit Schlaf- und Arbeitsräumen, Bücherei, Schule, Speise- und Beratungssaal umgab gewöhnlich einen Hof mit hübschen Kreuzgang. An die Klausur schloß sich oft die stattliche Kirche an. Ringsherum lagen dann Werkstätten für Künstler und Handwerker, die Außenschule, Krankenhaus und Apotheke, eine Herberge für Fremde und Wirtschaftsgebäude, wie Mühle, Backhaus, Brauerei und Kelter. Am Eingange des Mönchsklosters saß der Bruder Pförtner. Er reichte dem vorübergehenden Armen ein Stück Brot aus seiner Zelle. Dem Fremden fragte er nach seinem Begehr und meldete ihn beim Abte an, der Vorsteher des Klosters. Wer ein Mönch werden wollte, hatte zunächst ein Probejahr zu bestehen. Nachdem er dann das Gelübbte der völligen Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams gegen seine Vorgesetzten abgelegt hatte, erhielt er das grobe Mönchsgewand. Auch wurde ihm zum Zeichen der Demut der Kopf bis auf einen Haarkranz kahl geschoren (Tonsur). Von den Mönchen ging diese Sitte im 6. Jahrhundert auf die Geistlichen über. Alle Mönche hatten einen gemeinschaftlichen Speise- und Schlafsaal, und in einer Küche wurde für alle gekocht. Frühmorgens und dann noch 4 bis 5 mal im Laufe des Tages läutete der Kustos zum Gebet. In den Zwischenzeiten wird gearbeitet. Hier malt ein Mönch bunte, goldene oder silberne Buchstaben: er schreibt ein lehrreiches Buch ab. Dort in der Bücherkammer sitzt ein anderer und studiert mit Eifer wissenschaftliche Werke. Mit einem Trupp zieht der „Kellner“ in den Garten und läßt den Wein beschneiden oder die Obstbäume veredeln. Andere Mönche gehen mit den Knechten aufs Feld und verrichten dort die nötigen Arbeiten. Einige der Klosterbrüder aber weilen in der Ferne. Sie verkünden den Heiden (d. i. Heidebewohner), die noch immer in ihrer Einsamkeit den alten Göttern anhängen, die Lehre Christi.
Im Klosterhof
Im Klosterhof
3. Klosterschulen.

Fast bei jedem Kloster gab es eine innere und eine äußere Klosterschule. Die innere lag innerhalb, die äußere außerhalb der Klostermauer. In der inneren wurden Geistliche und Mönche auf ihren Beruf vorbereitet. Die äußere wurde von Söhnen, in den Nonnenklöstern von Töchtern der Edelinge besucht. Hier lernten sie lesen und schreiben, sowie Latein, Sternkunde, Gesang und Grammatik. Lehrer und Schüler sprachen meist lateinisch. Zum Schreiben benutzte man damals Pergament, das aus gegerbten Fellen bereitet wurde. Darauf schrieb man mit einem Rohre oder einem Gänsekiele. Viele Handschriften der Mönche sind uns erhalten geblieben. Die Schrift gleicht unserer Druckschrift. Der Anfangsbuchstabe ist mit Schnörkeln und oft mit farbigen Bildern verziert.

4. Schenkungen.

Fromme Leute machten dem Kloster auch bald größere Schenkungen. So kam manches Kloster im Laufe der Jahre in den Besitz vieler Höfe, ja ganzer Dörfer.

Im Gebiete des Klosters Fulda lagen zahlreiche Weiher, das sind kleine Dörfer oder Gehöfte, die im Laufe von 50 Jahren von ihren Besitzern sämtlich dem Kloster geschenkt worden waren. In einem Schenkungsbrief, der noch erhalten ist, werden dem Kloster vermacht: 12 Leibeigene, 2 Wohnhäuser nebst Äckern, Wiesen, Weiden, Fischteichen und Flußwasser. „Dies alles,“ so heißt es, „schenken wir von heute an zur Erkaufung unserer Seelen.“

So wurden die Klöster bald sehr reich. Ihre Güter ließen sie meist durch „Meier“ verwalten, die Weizen, Roggen, Gerste und Hafer bauten, während man bis dahin nur Hafer, Hirse oder Flachs ausgesät hatte.

5. Hörige des Klosters.

Meist siedelten sich auch andere Leute in der Nähe der Klöster an. Das Kloster gab ihnen nicht selten Grundstücke, worauf sie Haus und Stallung errichten konnten. Dadurch aber wurden sie Hörige des Klosters. Jeder erhielt oft noch so viel Ackerland, als ein Mann mit zwei Kühen bearbeiten konnte. Er mußte dafür dem Kloster Abgaben an Hühnern, Eiern, Schweinen, Korn und Geld entrichten und außerdem allerlei Hand- und Spanndienste tun.

6. Segen der Klöster.

Die Klöster haben viel Segen gestiftet. Durch sie wurde das Christentum immer mehr ausgebreitet; Kunst und Wissenschaft fanden in ihnen ihre Pflege, und öde Waldgebiete und nutzlose Brüche verwandelten sich durch den Fleiß der Mönche in fruchtbare Felder, Gärten und Wiesen. Mönche waren die Geschichtsschreiber ihrer Zeit. Die „Chroniken“ von St. Gallen, Reichenau, Gandersheim und Corvey geben uns wertvolle Kunde von dem, was in jenen Jahrhunderten geschah. Die Nonnen spannen, webten und stickten, auch besuchten sie Kranke, bereiteten Arzeneien und unterrichteten nicht selten die Töchter der Vornehmen. Wanderer fanden im Kloster sichere Herberge, und in Kriegszeiten suchten die Landsleute hinter den Klostermauern Schutz für sich und ihre Habe.

Lesestoffe: Aus Scheffels Ekkehard: Der Herzogin Besuch im Kloster St. Gallen.- Aus Weber, Dreizehnlinden: Bei den Benediktinern in Corvey.-

5. Deutsche Volksrechte

1. Gerichtsverfassung.
Geschriebene Gesetze hatten die Germanen noch nicht. Ihre Gesetze pflanzten sich von Mund zu Mund fort, wurden aber trotzdem unverbrüchlich gehalten. Erst im fünften Jahrhundert begann man, die Gesetze aufzuschreiben und zwar in lateinischer Sprache. Das berühmteste Gesetzbuch aus dieser Zeit ist das „Salische Gesetz“ der Franken. Das Gau- oder Hundertschaftsgericht zog die Verbrecher zur Verantwortung. Alle 40 Nächte kamen die Freien auf die Mahlstätte unter dem Vorsitz eines freigewählten Edelings zusammen. Sieben Schöffen, die neben dem Grafen saßen, schlugen das Urteil vor. Stimmten die umstehenden Freien, der „Umstand“, dem Urteil zu, so wurde es vollstreckt.

2. Wergeld.
Nur Unfreie durften mit dem Tode bestraft werden, während der Freie fast jedes Verbrechen - ausgenommen Fürstenmord und Landesverrat - durch ein Wergeld büßen konnte. (Wergeld = Manngeld; vergleiche Werwolf = ein Mann, der sich in einen Wolf verwandeln konnte.)

Wenn ein Freier einen Freien tötet, so soll er zur Erlegung von 200 Solidi (72 Solidi oder Schillinge = 1 Pfund Gold) verurteilt werden. Wenn jemand einen Knecht getötet hat, so soll er zur Erlegung von 36 Solidi verurteilt werden. - Wenn ein Freier dem anderen das Ohr abgehauen hat, so daß dieser nicht mehr hören kann, so soll er die Buße von 50 Solidi zahlen. - Wenn er die Hand abgehauen hat, so soll er zu 100 Solidi verurteilt werden; hängt die Verstümmelte Hand noch, so büßt er mit 50 Solidi. - Wenn ein Freier dem anderen den Daumen abschlägt, so soll er mit 50 Solidi schuldig sein; hängt der verstümmelte Daumen noch, so soll er zu 25 Solidi verurteilt werden.

Da Geld noch wenig im Umlauf war, so zahlte man meist mit Vieh. Bei der Berechnung galt eine Kuh 1, ein Ochse 2, ein Hengst 6, ein Schwert mit Scheide 7, ein Helm mit Spitze 6 Schillinge.

3. Ursprung der Acht.
Folgt jemand der Vorladung zum Gericht nicht oder weigert sich, das Wergeld zu zahlen, so soll er nach dem Gesetz der Franken „vor das Angesicht des Königs geladen werden. Wenn er auch vor dem Könige nicht erscheinen will, so soll ihn dieser vom Schutze ausschließen“. Er wurde dann als Wolfsgenoß in den wilden Wald oder ins Elend, d. i. Ausland, gejagt. (Daher Elend = Jammer.) Sein Haus wurde verbrannt, sein Vermögen verfiel dem Staate. „Wer ihm Brot gibt oder ihn beherbergt, sei es seine Frau oder ein Verwandter, der soll 15 Solidi für schuldig erachtet werden.“ Der Ausgestoßene war jetzt vogelfrei und konnte wie ein Vogel oder wie ein Wolf von jedermann straflos getötet werden. Aus dieser Strafe entwickelte sich die Acht.

4. Freistätten (Asyle).
Eine Freistätte für die Verfolgten bildete das Gotteshaus. So heißt es im Gesetz der Alamannen: „Wenn jemand einen fliehenden Mann, sei es einen Freien oder einen Knecht verfolgt, und dieser flieht bis in die Türen der Kirche, so soll keiner Befugnis haben, ihn mit Gewalt aus der Kirche zu ziehen, oder ihn innerhalb der Kirchentüren zu erschlagen.“

Später wurden auch in manchen Ländern die Wohnungen der Bischöfe und anderer Geistlichen, die Klöster, die Kirchhöfe (Friedhöfe) usw. zu Freistätten für Verbrecher. Erst im 17. Jahrhundert wurde bestimmt, daß das Asylrecht den Kirchenschändern, Ketzern, Majestätsverbrechern u.a. keinen Schutz gewähren sollte.

5. Gottesurteile.
Wenn es dem Richter zweifelhaft schien, ob der Verklagte schuldig oder unschuldig sei, so stellte der Priester mit ihm allerlei Proben an, die seine Schuld oder Unschuld beweisen sollten. Alle diese Proben nannte man Gottesurteile, weil man annahm, daß Gott den Unschuldigen in seinen Schutz nehmen und zu seinen Gunsten die Gesetze der Natur für den Augenblick aufheben werde. Der Angeklagte mußte mit der Hand einen Stein aus einem Kessel mit kochendem Wasser herausholen oder mit bloßen Füßen über sechs, neun oder zwölf Glühende Pflugschare hinwegschreiten. Verbrannte er sich dabei, so galt er als schuldig. War jemand ermordet worden, so wurde die Leiche auf eine Bahre gelegt, und die anwesenden Verwandten warteten des Bahrrechtes. Der des Mordes Verdächtigte mußte herantreten und die Wunden des Erschlagenen berühren. Fingen sie an zu bluten, so hielt man den Angeklagten für überführt. Auch der Tod wurde als Gottesurteil angesehen.

6. Karl der Große. 768 - 814.

1. Karls Persönlichkeit und rastlose Tätigkeit.
Unter den Fürsten des Frankenstaates nimmt Karl der Große, Pipins des Kurzen Sohn, die hervorragendste Stelle ein. Er war von hoher Gestalt, maß sieben seiner Fußlängen und besaß eine riesenhafte Stärke. Feine, ausländische Kleidung mochte er nicht leiden. Am liebsten ging er in Kleidern, die ihm seine Gemahlin oder seine Töchter gesponnen und gewebt hatten. Nur bei feierlichen Gelegenheiten erschien er im königlichen Schmucke, auf dem Haupte die von Gold und Diamanten strahlende Krone. „Unausgesetzt war Karl mit den Angelegenheiten seines Reiches beschäftigt; oft stand er des Nachts 4 -5 mal von seinem Lager auf und wandte sich seinen Arbeiten zu; selbst beim Ankleiden sprach er von Geschäften mit seinen Räten oder ließ Parteien vor, die seinen Richterspruch suchten; beim Mahle ließ er sich geschichtliche oder erbauliche Schriften vorlesen; keine Stunde verstrich ungenutzt“. Karl hatte in seiner Jugend wenig Gelegenheit zum Lernen gehabt. Schreiben lernte er erst im Mannesalter. Er hatte deshalb immer eine Schreibtafel von Wachs unter den Kopfkissen liegen, und nachts, wenn er nicht schlafen konnte, zog er sie hervor und übte die schwertgewohnte Hand im Führen des leichten Griffels. Doch brachte er es in der Kunst des Schreibens nicht sehr weit; denn die meisten seiner Unterschriften bestanden nur aus einem im Viereck gezogenen Strich.

2. Heerbann.
In Kriegszeiten ließ Karl den Heerbann aufbieten. Zu diesem gehörten einmal alle Lehnsleute des Königs (Grafen, Bischöfe usw.) und sodann alle freien Männer, die wenigstens vier Hufen Land als Eigentum besaßen. (Ein Hufe = 30 Morgen. Ein Morgen war so viel Land, wie man mit einem Gespann in einem Tage bearbeiten konnte.) Auf Befehl des Königs mußten sie mit seinem Gefolge erscheinen. In einem Schreiben Karls an einem Abt heißt es:
„Wir gebieten dir, dich am 17. Juni in Staßfurt als dem festgesetzten Sammelorte pünktlich einzufinden. Du sollst aber mit deinen Leuten so vorbereitet dahinkommen, daß du von da schlagfertig ziehen kannst, nämlich mit Waffen und Gerät und anderen Kriegserfordernissen an Lebensmittel und Kleidern, daß jeder Reiter Schild und Lanze, ein zweihändiges und ein kurzes Schwert, Bogen und Köcher mit Pfeilen habe. Dann, daß ihr habet auf euren Wagen: Hacken, Keile Mauerbohrer, Äxte, Grabscheite, eiserne Schaufeln und was sonst im Kriege nötig ist. Die Wagenvorräte müssen vom Sammelplatze an auf drei Monate reichen, Waffen und Kleider auf ein halbes Jahr. Insbesondere aber gebieten wir euch, wohl darauf zu achten, daß ihr in guter Ordnung zu dem angegebenen Orte ziehet und euch nicht untersteht, irgend etwas zu nehmen außer Futter für das Vieh und Holz und Wasser.“
Widukind und Karl der Gosse
Widukind und Karl der Gosse
3. Sachsenkriege.
Karls Reich erstreckte sich anfangs über das heutige Frankreich, Baden, Württemberg, Bayern und Thüringen. Er hatte sich das hohe Ziel gesteckt, alle germanischen Stämme zu einem Reiche zu vereinigen und in diesem Reiche die christliche Kirche zur Herrschaft zu bringen. Zu seiner Zeit waren es von allen germanischen Völkern nur noch die Sachsen, die zwischen Rhein und Elbe als Heiden in alter Selbständigkeit fortlebten. Ihren Namen haben sie von dem „Sachs“, einem kurzem, breiten Messer, daß sie an einem Gurt um die Hüfte trugen. Sie zerfielen in Westfalen, Ostfalen und Engern. Die Engern wohnten zu beiden Seiten der Weser, westlich von ihnen die Westfalen, östlich die Ostfalen. Dazu kamen noch die Nordalbinger in Holstein. „Die Sachsen haben nie Könige gehabt, sondern sie lebten wie die alten Germanen unter ihren Grafen und Edelingen. Nur im Kriege vereinten sie sich unter freigewählten Herzögen.“ Die Grenze zwischen den Sachsen und den Franken zog sich meist in der Ebene hin und zwar nicht genau festgesetzt. Da wollten denn Raub, Mord und Brand auf beiden Seiten kein Ende nehmen. Karl beschloß daher, die Sachsen zu unterwerfen und zum Christentum zu zwingen. Von beiden Seiten wurde der krieg mit großer Erbitterung geführt. Die Sachsen stritten für ihren Wodan und ihre Freiheit, die Franken für das Kreuz und ihre Weltherrschaft.

Der Fall der Irminsul
Mit einem wohlausgerüsteten Heere zog Karl 772 ins Sachsenland und verwüstete alles mit Feuer und Schwert. Auch zerstörte er die Feste Eresburg (bei Niedermarsberg) mit der Irminsulsäule. Diese Säule war ein riesenhafter Baum, der nach den Glauben der Sachsen das Weltall trug und daher göttlich von ihnen verehrt wurde. Dann drang er bis an die Weser vor und machte hier Frieden mit den Sachsen. Unter Anführung Widukinds, eines Edelings der Westsachsen, empörten sich die Sachsen zu wiederholten Malen gegen Karl, der sie mit Gewalt zur Taufe sowie zur Errichtung des „Zehnten“ (ihres jährlichen Einkommens) an die geistlichen zwingen wollte. Sie zerstörten die neuerbauten christlichen Kirchen und schlugen oder vertrieben die von Karl eingesetzten Priester. Einmal (782) vernichteten sie Karls Heer am Süntel faßt vollständig. Da war dessen Geduld zu Ende. Bei Verden an der Aller hielt er Gericht über die Schuldigen und ließ ihrer 4500 hinrichten. Widukind war entflohen, kehrte aber bald zurück, um die Sachsen zur Rache für diese Bluttat zu entflammen. Sein Heer wurde jedoch an der Haße so vollständig geschlagen, daß er den ferneren Kampf für den alten Glauben und die alte Freiheit aufgab. Er ging zu Karl, der ihn sehr freundlich aufnahm, und empfing mit vielen sächsischen Edeln die Taufe. Noch mehrmals versuchten die Sachsen, das Joch der Franken abzuschütteln, aber ihr Widerstand erlahmte ohne Widukind nach und nach, bis sie endlich nach 31 Jahren sich vollständig unterwarfen. Zur Ausbreitung der christlichen Lehre legte Karl in Sachsen zahlreiche Bischofsitze an: Münster, Minden, Osnabrück, Hildesheim, Halberstadt, Bremen, Paderborn und Verden.

Gedicht: Där, Das weise Sachsenroß.

4. Karl unterwirft benachbarte Völker.
Der Langobardenkönig bedrängte den Papst und nahm das Stück Land, das ihm Pipin geschenkt hatte. Auf den Hilferuf des Papstes zog Karl über die Alpen, nahm den Langobardenkönig gefangen und schickte ihn in ein Kloster. Nachdem Karl die Schenkung Pipins dem Papste bestätigt hatte, machte er sich zum König der Langobarden. - Auch nach Spanien zog Karl und gründete dort zwischen den Pyrenäen und dem Ebro die spanische Mark. Auf dem Rückzuge wurde die Nachhut seines Heeres in einer Schlucht der Pyrenäen überfallen und vollständig vernichtet. Unter den Gefallenen befand sich auch der aus der Sage wohlbekannte Held Roland. - Der Bayernherzog Tassilo lehnte sich gegen die fränkische Herrschaft auf und rief sogar die räuberischen Avaren von der unteren Donau zu seiner Unterstützung herbei. Tassilo wurde besiegt und in ein Kloster gesteckt. Das Land der Avaren eroberte Karl bis zur Theiß, gründete hier die östliche Mark und legte so den ersten Stein zum österreichischen Reiche.

Gedicht: Avenarius Rolands Horn.

5. Kaiserkrönung. 800.
Der Papst Leo III. war bei seiner feierlichen Prozession vom Volke auf der Straße arg mißhandelt worden und dann in einen Kerker geworfen worden. Er entkam aber und ging nach Paderborn, um hier Karl persönlich um Hilfe zu rufen. Karl zog mit seiner Macht nach Rom und hielt Gericht über die Schuldigen. Am Weihnachtsfeste 800 erschien er in der Peterskirche, wohnte hier dem Gottesdienst bei und kniete nach der Messe vor dem Altar. Da nahte sich ihm der Papst mit seiner höchsten Geistlichkeit, setzte ihm die goldene Krone aufs Haupt und salbte ihn zum Kaiser und weltlichen Oberherrn der gesamten katholischen Christenheit. Karl war oberster Schirmherr der Kirche, dem sich der Papst und die gesamte Geistlichkeit willig unterordneten.

6. Ausdehnung des Reiches.
Durch fortwährende Kriege vergrößerte Karl sein Land nach Süden, Osten und Norden hin. Bei seinem Tode umfaßte es das heutige Frankreich, Spanien bis zum Ebro, den größten Teil Italiens sowie Deutschland bis zur Elbe und Eider.

7. Die innere Gestaltung des Frankenreiches.

a) Verwaltung. Karl war nicht nur ein gewaltiger Eroberer sondern auch ein ganz vorzüglicher Verwalter und Gesetzgeber seines Landes. Die alten Stammesherzogtümer, die Herde der Widerspenstigkeit, löste er auf, teilte das Land in Gaue ein und übergab diese einzelnen Grafen, den Gaugrafen, zur Verwaltung. Die Grafen mußten jährlich dreimal Gaugerichte abhalten, die königlichen Hofgüter beaufsichtigen und den Heerbann im Kriege anführen. Am mächtigsten waren die Grafen in den Grenzgebieten oder Marken, die Markgrafen. Sie konnten ohne vorherige Einwilligung des Kaisers Krieg gegen räuberische Nachbarn führen. Um nun die Grafen besser beaufsichtigen zu können, schuf Karl noch das Amt der Königsboten oder Sendgrafen. Diese wurden alljährlich im Frühjahre ernannt, in der Regel je ein Weltlicher und ein Geistlicher für einen größeren Bezirk. Sie mußten ihren Kreis bereisen und dem Könige Bericht erstatten über die Grafen, Bischöfe, Klosterschulen, Domänen usw. Der Sendgraf hielt als Stellvertreter des Königs auch Gericht über Angelegenheiten, die durch das Gaugericht nicht erledigt werden konnten.
Unter dem Schild, der an der Gerichtseiche befestigt ist, sitzt der Richter, das rechte Bein über das linke geschlagen, in der Hand den weißen Eschenstab als Zeichen richterlicher Gewalt. Die Schöffenbank ist gespannt, d.h. besetzt, mit den sieben Schöffen. Wie weit der „Umstand“ sich dem Gericht nähern darf, zeigen in die Erde gesteckte, mit einer Schur verbundene Haselstöcke an. Wer dies Gehege verletzt, wird mit Fuß, Hand oder Hals gebüßt. Nachdem die Anklage vorgebracht ist, tritt der Angeklagte mit sechs Eideshelfern vor, kniet nieder, legt die rechte Hand auf das Evangelienbuch oder das Kreuz, das ihm der Bischof vorhält, und leistet den Reinigungseid. Die Eideshelfer müssen bekunden, daß der Eid rein und nicht mein ist.
In jedem Frühjahre wurde eine Volksabstimmung aller Freien abgehalten, das Maifeld. Hier wurde über Krieg und Frieden, über Handel und Verkehr, über Gesetzt und Recht beraten. Die hier beschlossenen Gesetze wurden aufgeschrieben und dann im Lande verkündet. Steuern gab es zu Karls Zeiten noch nicht, wohl aber wurden die jährlichen Maigeschenke bereits als Schuldigkeit angesehen.
Sendgrafengericht
Sendgrafengericht
b) Landwirtschaft. Zu Karls Zeit war das Land weit und breit noch mit Wäldern, Brüchen und Heiden bedeckt. Nur hier und da war der Wald gelichtet. Karls großes verdienst ist es, daß er an zahlreichen Stellen den Wald ausroden ließ und dadurch viel fruchtbares Ackerland schuf. Auf dem Neulande entstanden viele Dörfer, deren Namen auf rode, reut, schwand, wald, lohe (wald), feld, stein, kirch, zell noch heute auf ihren Ursprung hinweisen. Um das Dorf herum lagen die Saatfelder und grünen Auen. Felder und Wiesen warenumzäunt, damit das weidende Vieh sie nicht beschädigen konnte. Die Dorfmarken wurden in drei Schläge eingeteilt, die abwechselt im ersten Jahr mit Winterfrucht (Roggen, Spelz), im zweiten mit Sommerfrucht (Gerste, Hafer) bestellt wurden und im dritten als Weideland brach lagen. Man nannte das Dreifelderwirtschaft. - Karl selbst ging dem Landmanne mit gutem Beispiel voran und legte auf seinen Krongütern Musterwirtschaften an. Hier kümmerte er sich um jede Kleinigkeit und prüfte selbst die Rechnungen seiner Gutsverwalter. -In seinen Gärten wurden neben Kümmel, Minze, Salbei, und Petersilie besonders Gurken, Kürbisse, Rüben, Kohl, Erbsen und Rettiche gezogen. Als Zierblumen sah man Lilien und Rosen. Die Obstbäume wurden gepfropft und brachten edles Obst in Fülle, während der Bauer sich noch lange mit Holzäpfeln und Holzbirnen begnügte.

c) Handel und Verkehr. Der Handel beschränkte sich meist darauf, eine Ware gegen die andere auszutauschen. Metallgeld war damals noch wenig bekannt, nur in den Grenzgebieten waren römische Münzen im Umlauf. Karl ließ zur Förderung des Handels deutsche Silberpfennige mit seinem Bilde und Namen prägen. So konnte sich neben dem Tauschhandel allmählich der Geldhandel entwickeln. Auch ein öffentliches Maß führte Karl ein, das überall beim Verkauf angewendet werden sollte. Zur Hebung des Verkehrs legte der Kaiser Landstraßen an und ließ bei Mainz eine Brücke über den Rhein schlagen. Um das Gewerbe zu heben, ordnete er an, daß auf jedem seiner größeren Güter Schmiede-, Gold- und Silberarbeiter, Zimmerleute, Schneider, Schuster, Bäcker und andere Handwerker beschäftigt werden sollten.

d) Sorge für Kirche und Schule. Um das Christentum zu fördern, setzte Karl Bischöfe ein, die den Erzbischöfen von Köln und Mainz untergeordnet waren. Der Bischof hatte die Aufsicht über die Kirchen und die Klöster seines Sprengels. Zur Hilfeleistung waren ihm eine Anzahl Geistliche beigegeben, aus denen später die Domherren wurden. Auch baute Karl Kirchen und schmückte sie mit Heiligenbildern aus. Die schönste unter all diesen Kirchen die Marienkirche oder der Dom zu Aachen. Zur Verbesserung des Kirchengesanges ließ er Sänger und Orgelspieler aus Italien kommen; denn seine Franken sangen schlecht, und wenn sie ihre rauhe Stimme ertönen ließen, so klang es, wie wenn ein schwerer Lastwagen über einen holprigen Knüppeldamm dahinrasselte. Auch die deutsche Sprache suchte er zu veredeln und beim Gottesdienste einzuführen. Die Predigt mußte in der Volkssprache gehalten werden. Da viele Geistliche noch sehr unwissend waren, ließ er für sie die Predigten alter berühmter Kirchenväter übersetzten. Geistliche, die nicht lesen konnten, mußten es noch lernen. Aus dem Volke sollte jeder den Glauben und das Vaterunser auswendig lernen, und wer nicht wollte, wurde mit Prügelstrafe bedroht. - Karl wollte, daß an seinem Hofe keiner zu finden sie, der nicht lesen und schreiben könne. Deshalb berief er gelehrte Männer zu sich und gründete für die Kinder seiner Hofbeamten eine Schule. Auch Kloster- und Domschulen legte er an, in denen die Kinder der Freien und Hörigen in Religion, Lesen und Schreiben unterrichtet wurden. Seine Hofschule besuchte er oft, belohnte die Fleißigen und strafte die Faulen.

Gedicht: Karl Gerok, Wie Kaiser Karl Schulvisitationen hielt.

8. Lehnswesen.
Wenn die fränkischen Könige Land erobert hatten, so nahmen sie den unterworfenen Edelingen ihre Äcker. Mit einem Teil belohnten sie ihre Krieger, den anderen behielten sie selbst und verwandelten den Besitz in Krongüter oder Domänen. Da sie aber die weiten Ländereien nicht selbst bewirtschaften konnten, gaben sie Stücke davon ihren Beamten, die kein Geld bekamen, zur Bestreitung ihrer Lebensbedürfnisse. Das Gut blieb Eigentum des Königs. Es wurde nur gewöhnlich auf Lebenszeit verliehen. Daher hieß es Lehen. Der König war der Lehnsherr, der Belehnte dagegen Wasall, Dienst- oder Lehnsmann. Die Wasallen mußten ihren Lehnsherren Treue geloben und ihnen im Kriege mit berittenen Leuten Heeresfolge leisten. Das Heerwesen wurde dadurch umgewandelt. Neben den zu Fuß fechtenden Bauern zogen die Lehnsleute mit ihren Reisigen ins Feld. Der Belehnte durfte sein Lehen nicht veräußern, wohl aber konnte er Stücke desselben an Unterwasallen weiter vergeben. Zur Zeit Karls des Großen gaben viele freie Bauern ihr Eigentum einem geistlichen oder weltlichen Herrn und nahmen es als Lehen zurück. Bei den vielen Kriegen wurde nämlich die allgemeine Wehrpflicht ohne Sold ebenso drückend wie die Verpflichtung des Freien, bei den Gerichtstagen zu erscheinen; denn während der langen Abwesenheit wurde die Bestellung des Ackers erschwert oder gar unmöglich gemacht. Der Lehnsherr nahm dann seinen Lehnsleuten den Heeresdienst ab und gewährte ihnen zugleich Schutz gegen Gewalttaten mächtiger Nachbarn. Dafür hatten die Bauern eine Abgabe zu entrichten, bestehend in Getreide, Vieh, Geflügel, Wachs, Eiern und dgl. Die Zahl der freien Bauern nahm auf diese Weise bedeutend ab, und der Einfluß des Volkes auf die Geschicke des Staates hörte mehr und mehr auf. Die Macht der großen Grundherren aber wuchs. Die Lehen wurden später sogar erblich und auch die Ämter (eines Grafen oder Schultheißen), die nach und nach mit ihnen verbunden wurden. Das Lehnswesen bildete die Grundlage der mittelalterlichen Staatsverfassung.

9. Karls Ende. 814.
Im Jahre 72 seines Lebens starb Karl. Sein Leichnam wurde einbalsamiert und im kaiserlichen Schmucke in der Gruft des Domes zu Aachen beigesetzt.

Lesestoff: Franz Herwig, Widukind in „Deutsche Heldenlegenden“ (Herder). - Einhardt, Leben Karls des Großen (Schaffsteins grüne Bändchen 22.)

7. Verfall des Karolingerreiches.

1. Entstehung des Deutschen Reiches. 843.
Ludwig der Fromme, Karls des Großen Sohn, hatte nicht die Festigkeit des Willens, ein großes Reich zusammenzuhalten. Er ließ sich von der Geistlichkeit leiten. Darüber waren die weltlichen Großen unzufrieden. Mit seinen Söhnen lag er fast während seiner ganzen Regierungszeit in Fehde. Einmal geriet er sogar in ihre Gefangenschaft. So herrschte überall Unordnung. Nach seinem Tode teilten seine drei Söhne, fränkischer Sitte folgend, das gewaltige Frankenreich unter sich, das geschah in dem Vertrage zu Verdun (843). Lothar bekam neben der Kaiserwürde Italien und einen Strich Lands westlich vom Rhein, der vom Mittelmeere bis zur Nordsee reichte und in der Folge den Namen Lotharingen (Lothringen) erhielt. Karl der Kahle erhielt das Land westlich dieses Landstriches, also hauptsächlich das heutige Frankreich, Ludwig dagegen das Land östlich vom Rhein, dazu die Bistümer Speyer, Worms und Mainz. Durch diese Trennung wurde Deutschland erst ein selbständiges Reich, das sich in Sprache und Sitte immer mehr von seinem westlichen Nachbar, dem heutigen Frankreich, unterschied. In Lothars Gebiet links vom Rhein waren Germanen und Romanen gemischt. 870 fielen im Vertrage zu Mersen in den Niederlanden die germanischen Gebiete: Elsaß, Lothringen und Friesland an Deutschland, das übrige an Frankreich.
Landkarte
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2. Verfall des Reiches.
Die Nachfolger Ludwigs des Deutschen waren meist sehr schwache Fürsten. Sie konnten weder Recht und Ordnung im Lande schützen, noch äußere Feinde abwehren. 911 erlosch das Geschlecht der Karolinger. Je mehr die Macht des Königs sank, desto höher stieg die Macht der Großen im Reiche. Diese waren unablässig darauf bedacht, ihr Besitztum zu vergrößern und die Zahl ihrer Lehnsleute zu vermehren. Immer mehr sonderten sich die fünf deutschen Stämme voneinander ab, und bald legten sich die mächtigsten Grafen von Franken, Sachsen, Bayern, Schwaben und Lothringen die Würde eines Herzogs bei. Die Herzöge aber regierten ihr Land nach eigenem Ermessen und kümmerten sich wenig um den König. Zu diesem inneren Zerfall des Reiches kamen noch Angriffe von feindlichen Nachbarvölkern. Die Slawen drangen über die Elbe und Saale vor. Von Dänemark und Norwegen fuhren die Normannen (Nordmänner) auf ihren Drachenschiffen übers Meer, um an den deutschen Küsten zu rauben und zu plündern. Sie wagten sich die Flüsse hinauf und kamen bis Koblenz, Trier, ja bis in die Gegend von Metz. Weit größeres Unglück aber brachten die Ungarn über das Reich, die auf ihren flinken Rossen Raubzüge bis an den Rhein unternahmen.

Fortsetzung folgt

Auszüge aus dem Sächsischen Realienbuch Nr. 164 Neubearbeitung von Oskar Ostermai, Schuldirektor in Dresden

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