Deutsche Geschicht;III. Die Völkerwanderungen 375 - 568 n. Chr.

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III. Die Völkerwanderungen 375 - 568 n. Chr.

1. Die Goten

1. Ursache und Beginn der Völkerwanderungen.

Der befestigte römische Grenzwall (Limes) hinderte die Germanen, sich weiter nach Westen und Süden auszubreiten. Die Westgermanen wurden seßhaft und bebauten mehr als bisher den Acker. Völker, die sich von Viehzucht und roh betriebenen Ackerbau ernährten, brauchen viel Land. Da sich überdies die Germanen stark vermehrten, trieb die Landnot sie oft dazu, sich neue Wohnsitze zu suchen. Dazu kam noch, daß sie von ihren slawischen Nachbarn nach Osten gedrängt wurden.
Die "Völkerwanderung" begann am Ende des zweiten Jahrhunderts und richtete ihren Ansturm gegen das römische Reich. Durch den Einfall der Hunnen in Europa im Jahre 375 kamen die Völker in eine raschere Bewegung. Die Hunnen unterwarfen zunächst die Alanen (zwischen Wolga und Don), die dann mit ihren über den Don gegen die Goten zogen. Diese waren durch den Dniestr in Ost- und Westgoten geschieden. Nachdem bald darauf die Ostgoten überwältigt worden waren, warfen sich alle drei Völker auf die Westgoten und verdrängten auch diese aus ihren Wohnsitzen.

Gedicht:
Gottestreue - Kaisertreue   F. W. Grothe

2. Die Westgoten im Kampfe mit den Römern.

Die Westgoten gingen nun über die Donau und erlitten südlich von diesem Flusse im Römischen Reiche (im jetzigen Serbien und Bulgarien) Wohnsitze. Da sie aber von den habgierigen Statthaltern nicht wie freie Männer, sondern wie Knechte behandelt wurden, griffen sie zu den Waffen und durchzogen raubend und plündernd das Land. Als ihnen Kaiser Valens entgegenrückte, schlugen sie ihn in der Schlacht bei Adrianopel. Er verbrannte auf der Flucht in einer Bauernhütte. Sein Nachfolger aber, Theodosius der Große, schloß mit ihnen Vertr&äge und gab ihnen in den südlich von der Donau gelegenen Ländern und in Kleinasien Wohnsitze.

3. Alarich in Rom.

Um das Jahr 400 stand an der Spitze der Westgoten der König Alarich. Er war der erste Germane, der Italien angriff, um seinen Goten Wohnsitze zu erkämpfen. Siegreich rückte er bis vor die Tore der Stadt Rom. Die Römer ergriff Angst und Entsetzen; denn seit 400 Jahren war kein Feind der Stadt so nahe gekommen. Bald entstand in Rom eine entsetzliche Hungersnot, und viele Römer wurden eine Beute des Todes.

In dieser Not schickte der Senat zwei Gesandte an Alarich und ließ um Frieden bitten.
Aber noch prahlten diese:
"Unzählbar sind unsere Streiter und in den Waffen wohl geübt."
Alarich erwiderte Lachend:
" Je dichter das Gras, desto leichter das Mähen."
Diese Antwort machte die Gesandten demütig, und sie fragten:
"Was willst du von uns haben?"
"All euer Gold und Silber, alle kostbaren Gerätschaften," war seine Antwort.
Und als die Gesandten weiter fragten:
"Was willst du uns denn lassen? "
entgegnete er stolz:
"Euer Leben!"
Die stolze Stadt mußte sich fügen und ihre Freiheit durch große Summen erkaufen.

Noch zweimal erschien Alarich vor Rom, verlangte Land für seine Goten und wollte an die Spitze des römischen Heerwesens gestellt werden. Als man seine Forderung abwies, erstürmte er die Stadt und zog als Sieger ein. Wohl sanken viele Paläste in Asche, aber gegen die Bewohner waren seine Goten menschlich gesinnt.

4. Alarichs Tod 410 n. Chr.

Nur sechs Tage blieb Alarich in der Stadt, dann zog er mit seinem Heere ab, um von Sizilien aus nach Afrika, der Kornkammer Italiens, überzusetzen. Doch er kam nur bis Cosenza am Busento. Hier starb er nach kurzer Krankheit, erst 34 Jahre alt.

Gedicht:
Das Grab im Busento   August Graf von Platen

5. Weiterer Verlauf der Völkerwanderung.

Um sich vor Alarich zu retten, hatten die Römer ihre Truppen aus ihren Provinzen, namentlich aus Gallien (Frankreich) und Britannien (England), herbeigezogen. Das benutzten viele deutsche Volksstämme und wanderten in diese Provinzen ein. So entstanden folgende Reiche:

a) Das Reich der Burgunder im südlichen Gallien und in der Schweiz. Die Burgunder waren von der Weichsel hergekommen und hatten dann längere Zeit um Worms gewohnt. Ein römischer Feldherr vernichtete im Bunde mit den Hunnen das Burgunderreich des Königs Gundahar.
Erinnerungen an diese Kämpfe sind im Nibelungenlied erhalten. Reste des Volkes drangen in Gallien ein.

b) Das Reich der Vandalen, Sueven und Alanen in Portugal. Da in Gallien keine römischen Truppen waren, so konnten diese Völker ungehindert durch Gallien ziehen, um sich jenseits der Pyrenäen niederzulassen. Die Vandalen gingen 429 unter ihrem lahmen Könige Geiserich nach Nordafrika, entrissen den Römern ihre reichste Provinz Karthago und gründeten hier das Vandalenreich. Die Anwohner des Mittelmeeres setzten sie durch ihre Raubzüge in Schrecken. Dieses Reich wurde 534 durch Belisar, den Feldherrn des römischen Kaisers Justinian wieder zerstört.

c) Das Reich der Angelsachsen in Britannien. Die Angeln und Sachsen an der deutschen Küste waren von den Briten gegen feindliche Bergvölker zu Hilfe gerufen worden. Sie kehrten aber nicht wieder zurück, sondern errichteten in Britannien unter ihren Anführern Hengist und Horsa sieben angelsächsische Königreiche.
(England = Angelland)

d) Das Reich der Westgoten. Nach Alarichs Tod führte sein Schwager die Westgoten nach dem südwestlichen Gallien und gründete hier das Westgotenreich, das sich später nach Wegzug der Alanen auch über Spanien ausdehnte. Im Jahre 711 machten die Mauren dem Westgotenreich ein Ende.

2. Die Hunnen

1. Aussehen.

Ums Jahr 375 kamen die Hunnen, ein wildes Reitervolk, aus den Steppen Asiens nach Europa. Sie waren sehr häßlich. Auf dem kleinen, gedrungenen Körper saß ein dicker, unförmiger Kopf mit schwarzem, struppigem Haar. Das Gesicht von gelbbrauner Farbe und mit vielen Narben bedeckt; denn bald nach der Geburt zerschnitt man den Knaben die Wangen, um den Bartwuchs zu verhindern. Die kleinen Augen lagen schiefgeschlitzt im Kopfe, die Nase war plattgedrückt, die Backenknochen standen weit hervor, und die Lippen waren dick und aufgeworfen. Die Beine aber waren vom vielen Reiten säbelförmig gekrümmt.

2. Lebensweise.

Zur Nahrung dienten den Hunnen Wurzeln (Rüben), allerlei kleines Getier und rohes Fleisch, das sie auf den Rücken ihrer Pferde mürbe ritten. Ihre Kleidung bestand aus einer Hose und einem Kittel, die aus Tierfell genäht waren. Tag und Nacht trugen sie dasselbe Kleid so lange, bis es ihnen vom Leibe fiel.
Ohne Hof und Herd, ohne Sitz schweiften die Hunnen in Wald und Feld umher. Die Männer saßen Tag und Nacht auf ihren kleinen Pferden. Ihre Frauen und Kinder führten sie in großen Ochsenwagen mit sich. Eine Heimat hatte der Hunne nicht; er wußte nicht, wo er geboren war, woher er stammte.
An Raub und Mord, Brand und Plünderung hatte er seine Lust.
(Na, welche Parallelen gibt es in gewissen Vergleichen heute noch dazu?)

3.Attila.

Der Hunnenkönig Attila (d.h. Väterchen) oder Etzel vereinigte verschiedene Stämme zu einem gewaltigen Reiche. In einem großen Dorfe zwischen Theiß und Donau hielt er sein Hoflager. Von hier aus zog er mit seinen Horden um die Mitte des 5. Jahrhunderts weiter nach Westen; bis an den Ozean wollte er sein Reich ausdehnen. Seine wilden Scharen kannten kein Erbarmen. Weder Mann noch Weib, weder Greis noch Kind blieb von ihnen verschont. Die Saatfelder wurden zertreten, Gold und Silbersachen fortgeschleppt, Städte und Dörfer in Aschehaufen verwandelt. So kam Attila durch das heutige Österreich und Bayern, setzte über den Rhein, zerstörte Worms, Straßburg, Metz und drang bis an die Loire vor. Furcht und Schrecken ging vor ihm her, so daß er vom Volke als "Gottesgeißel", wie er sich selbst auch nannte, angesehen wurde.

4.Kampfesweise.

Keilförmig geordnet und mit wildem Geheul stürzten sich die Scharen Attilas auf den Feind. Aus der Ferne warfen sie ihm ihre Spieße, deren Spitzen aus scharfen Knochen gefertigt waren, entgegen; im Handgemenge suchten sie ihm mit den kurzen Säbel den kopf zu spalten. Auch führten sie stets eine Schlinge mit sich, die sie während des Kampfes dem Feind über den Kopf warfen, um ihn damit niederzureißen und dann mit sich fortzuschleppen.

5. Niederlage bei Chalons. 451 n. Chr.

In Frankreich stellte sich den Hunnen ein gewaltiges Heer aus Römern, Burgundern, Westgoten und Franken entgegen. An einem Herbsttage 451 kam es auf den Katalaunischen Feldern zur Schlacht. Der Kampf dauerte vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Die Hunnen wurden geschlagen. Unter den zahllosen Leichen, die das Schlachtfeld bedeckten, befand sich auch der tapfere König der Westgoten.
Die Schlacht war so heiß und blutig gewesen, daß ein Bach, der über das Gefilde rann, vom Blute rot gefärbt war. Trotzdem aber suchten die todwunden Streiter ihren Durst aus dem Bache zu löschen. Mit einbrechender Nacht zog sich Attila zurück. Die ganze Nacht klang die Totenklage schauerlich zu den Siegern herüber. Um diesen nicht lebendig in die Hände zu fallen, ließ sich Attila aus Pferdesätteln und hölzernen Schilden einen Scheiterhaufen errichten, auf dem er sich bei einem etwaigen neuen Angriffe verbrennen lassen wollte.
Die Sieger aber ließen ihn unangefochten nach Ungarn zurückkehren.

6. Attilas Tod

Im Jahre 452 drang Attila in Oberitalien ein. Damals sollen Flüchtlinge auf den Laguneninseln an der adriatischen Küste Venedig gegründet haben.
Bald aber kehrte er wieder um, bewogen durch Not im eigenen Heer und durch Bitten und Vorstellungen des römischen Bischofs Leo I. Ein Jahr später starb er ganz plötzlich.
Nach seinem Tode zerfiel das große Hunnenreich.

Gedicht:
Hunnenzug   Börries Freiherr von Münchhausen

3. Das Ende der Völkerwanderungen

1. Untergang des weströmischen Reiches durch Odoaker. 476 n.Chr.

Durch die Völkerwanderungen sollte auch das weströmische Reich seinen Untergang finden. Der Kaiser Theodosius hatte 395 das römische Reich unter seine beiden Söhne geteilt. Der eine bekam das oströmische Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel, der andere das weströmische Reich mit der Hauptstadt Rom.
Auszüge aus dem Sächsischen Realienbuch Nr. 164 Neubearbeitung von Oskar Ostermai, Schuldirektor in Dresden

Felix Dahn Kampf um Rom (1876 PDF 2.16 Mb)



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